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Jagdleidenschaft

Autorenbild: all about taste Team
all about taste Team
21. Aug.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Aug.


Porträt: Wie Thomas Rave Pilz-Sachverständiger wurde und inzwischen ein Pilzgeschäft betreibt

 

 

Mit der Oma und einem Korb durch den Wald streifen – und Pilze sammeln. So fing es auch bei Thomas Rave (Foto: Roman Wolf) an. Später kamen zwei Pilz-Bestimmungsbücher dazu. Und irgendwann, Jahre später, passierte es: Rave wurde Pilz-Sachverständiger und betreibt heute einen Laden in der Heidelberger Weststadt mit rund 200 Pilzen im Angebot. Die meisten davon natürlich getrocknet, einige aus eigener Zucht, aber auch schöne Exemplare von Steinpilzen und Pfifferlingen. Es ist zwar gerade keine Pilz-Saison, aber Zuchtpilze wie Shiitake, Kräuterseitlinge und Egerlinge eröffnen eigentlich jederzeit ein breites Spektrum an sommerlich-leichten Gerichten.


Pilze sammeln, sagt man, sei eine Jagdleidenschaft unter dem Deckmantel der Selbstversorgung. Mit anderen Worten: Das Naturerlebnis endet mit etwas Glück am Abend mit einem üppigen Mahl. Dass man seine Beute am Waldboden kennt und der Blick dafür geschärft ist, setzen wir mal voraus. Meistens steht zum Einstieg ins Jagdfieber wie bei Thomas Rave die profunde Kennerin aus der eigenen Familie, die wusste, was man mitnimmt und was man besser stehen lässt. Ihre Pilz-Expertise war unschlagbar; außerdem ist sie 97 Jahre alt geworden, was ebenfalls dafür sprach. „Wenn man ein paar Merkmale beachtet, ist es keine Hexerei“, sagt er heute. 


Der Enkel ließ sich jedenfalls früh anstecken. Und lernte alles über dieses geheimnisvolle Wesen und älteste Lebewesen der Welt. In den entsprechenden Internetforen ging er in den Austausch mit anderen Pilzfreunden und entschied irgendwann, eine Pilzschule im Schwarzwald zu besuchen. Dort befand der Zuständige, dass Thomas Rave doch schon so viel Wissen über die Mykologie angesammelt habe, dass er doch noch eine Schippe drauflegen solle. Er empfahl ihm, das Zertifikat für den Pilz-Sachverständigen zu erwerben. Es war „eine ungeplante, aber weitreichende Entscheidung“, denn plötzlich standen die Leute mit den Pilz-Körben zur Begutachtung vor der Tür. Er hatte für die Industrie Analysen zur Zulassung von Produkten zu machen, bot in Heidelberg Pilz-Kurse an und führt seitdem regelmäßig in „die wunderbare Welt der Pilze.“ Weil die Klimakrise aber auch deren Leben verändert, geht Rave mit Schülern in einem Klimawandel-Projekt in den Wald, um auf die Folgen für die Pilze hinzuweisen.


Mit Pilzen, erklärt er, könnte man eigentlich den weltweiten Hunger in der Welt eindämmen, mehr noch: Sie ließen sich als Baumaterial, als Biokraftstoff oder Plastikersatz einsetzen, man könne deren Heilwirkung ausnutzen – sofern die Industrie wirklich interessiert wäre. Er glaubt, es wäre sogar eine preiswerte Lösung. Ein Beispiel: Pilze seien die einzigen nicht-tierischen Vitamin-D-Liferanten.


Wenn Rave in seinem Laden eine der großen Büchsen mit getrockneten Waldpilzen aufmacht und daran riechen lässt, kommt Appetit auf. Auf Bandnudeln mit Pilzen zum Beispiel oder Knödel mit Pilzen oder ein Risotto mit zweierlei Pilzen, wie Rave empfiehlt, nämlich jeweils getrocknete und frische, die einen für den Geschmack, die anderen für den Biss.


Die zweite wichtige Entscheidung in seinem Leben mit Pilzen traf er 2018. In den Hochkarpaten begann er, selbst Waldpilze zu produzieren. Die verkaufte er schließlich auf den hiesigen Großmärkten, auf Märkten, in der Gastronomie und an Endverbraucher. Das war sein Einstieg in das kommerzielle Pilzgeschäft. Später kam der Anbau von Edelpilzen hinzu. Die Zucht sei nicht so kompliziert, „man muss nur anständig mit den Pilzen und den Substraten umgehen“ und geeignete Räume finden.


In Neuenheim mietete er mit zwei Mitstreitern Räume, um Pilze zu züchten. Die Anforderungen: Kühle Temperaturen von möglichst konstanten 16 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit. Beim Substrat haben die Pilze ganz spezielle Ansprüche, die von einem Stroh-Lehm-Gemisch über Sägespänen und Eichen-Pellets bis Hirsespelzen reichen. Hier züchtet er Shiitake, Kräuterseitlinge und den ungewöhnlichen Igelstachelbart; in noch überschaubaren Mengen, was aber an den begrenzten Räumen liegt. Derzeit ist er auf der Suche nach neuen Flächen.


„Thomara“, Heidelberg, Römerstraße 28. Mo.-Fr. 9-13 und 15-19 Uhr und Sa. 8-16 Uhr

 
 
 

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