Weinkaufsreise – Nebbiolo satt (und gut!)

Weinkaufstour ins Valtellina: Wir waren Teil einer Premiere, ohne von den Regisseuren diesbezüglich zu Beginn wirklich gebrieft worden zu sein. Den groben Plot kannte zwar jeder, das genaue Stück indes nicht. Das irritierte nur am Anfang kurz, machte danach aber nur noch Spaß und Freude, wenn es auch zeitweise forderte. Es war die erste Leserreise, die die Merum veranstaltete, die Zeitschrift für Wein und Olivenöl. Rund 20 Interessierte hatten sich angemeldet, davon gleich sechs der mediterranen Kochgesellschaft. Klug hatten die Macher das Hotel Retici Balzi gewählt, ein sehr angenehmes (Wein)Hotel, das die Gruppe komplett in Beschlag nahm. Der Ausgangspunkt all unserer Unternehmungen lag mitten in der Weinlage Inferno, mit Blick auf die namens Grumello mit dem gleichnamigen Schloss (besser: der Ruine). Sicher war: Wenn Merum ruft, würde keiner verhungern oder gar verdursten. Eigentlich war von Anfang an klar, dass sich ein Grüppchen Gleichgesinnter zusammenfinden würde – und so war es auch. Denn Merum hat nicht nur Leser, sondern noch mehr Fans und Gönner. So gab es die diversesten Querverbindungen und die Redakteure mussten Rede und Antwort stehen, nicht nur zu Weinen, sondern auch zu Familienangelegenheiten. Die Prosecco-Regel brauchte nicht lang erklärt werden, mit dem Genießen der ersten Tropfen ging es los, kaum dass die Leserreise offiziell eingeläutet worden war. Erste Lektion zum Thema Essen in dem Alpental im Restaurant I Trippi, Montagna in Valtellina: Klein ist relativ, das gilt für Essensportionen erst recht. Sehr schöner Auftakt: Alle Winzer waren an diesem Abend zugegen, die wir im Laufe der nächsten Tage besuchen und wiedersehen würden – und deren Weine wir im Laufe des Abends kennenlernten, darunter Pierfrancesco Di Franco (den wir Bacchus tauften) und Davide Fasolini von Dirupi, Siro Buzzetti (Terrazzi Alti), Guiseppe Guglielmo (Boffalora) oder Isabella Pelizzati Perego (Arpepe), alle gebührend und engagiert vorgestellt von den Merum-Redakteuren „Franz Fabian“ (= Fabian Hörack) und Jobst von Volckamer. Zusammen mit seiner Kollegin Raffaella Usai hatte Fabian die Reise organisiert, die degustatorische Führung indes oblag Jobst. Die Runde Gleichgesinnter hatte sich schon früh auf das gemeinsame „du“ geeinigt.
Weinprobe nach dem Frühstück? Easy going! Denn das Programm war (zeitlich) anspruchsvoll und eng getaktet. Zwischendurch Luft holen? Die Organisatoren wollten uns in diesem vier Tagen (zumindest in Auszügen) zeigen, was das Valtellina zu bieten hat, kulinarisch und auch kulturell. Das heißt: sehr viel. Unglaublich motivierend war dem ansteckenden Enthusiasmus der engagierten Winzer (die nicht zwingend vom Weinbau und Weinmachen leben können und nur halbtags durch ihre Steillagen klettern) und den begeisternden Merum-Jungs auch das Wetter. Es war mieses vorausgesagt, aber bis zu unserer Abreise am Sonntag zeigte die Sonne, was sie draufhat. Wo mit den Highlights beginnen, die diese Leserreise für uns bereithielt? Das sensationelle Picknick in den Weinbergen von Dirupi gehört mit Sicherheit dazu. Tante Luciana und Onkel von Davide Fasoloni – kurz Fasio-, der eher aussieht wie ein „irischer Whiskey-Brenner denn ein italienischer Winzer“, so sein hobbykochender Onkel, hatten ein Essen vorbereitet, das seinesgleichen suchte. Antipasti, Tartes, Würste, Bresaola, Käse – vom Feinsten und mit Olivenöl zubereitet. Wir waren sprachlos. Als die beiden nach dem Dolce unter dem kleinen Tisch auch noch Espresso hervorzauberten, kannte der Respekt vor dieser Leistung kaum noch Grenzen. Welches Gericht hervorheben? Es war einfach alles ganz große Klasse und eine Überraschung, mit der niemand gerechnet hatte. Alles allererste Güte und – auch wenn ich mich wiederhole – sensationell und unvergleichlich gut. Dass wir dazu auch Besonderes im Glas hatten, braucht eigentlich keine weitere Hervorhebung, oder? Während das Erlebte noch in uns arbeitete, kurzer Besuch in Teglio, einen alten Palast angucken. Obwohl beeindruckend, waren wir gedanklich noch ganz woanders. Und schon wartete der nächste Weinkeller. Bei Arpepe erkundeten wir erst den Keller, der vor ein paar Jahren noch dreimal so groß gewesen war, und kosteten dann aktuelle und ältere Jahrgänge – geschmacklich von bis. Gut, dass nicht jedem alles schmeckt.

Als Weingebiet ist das Valtellina einfach zu verstehen. Es gibt nur eine Weinsorte – Nebbiolo – und nur einen Hang in Südlage. Der allerdings erstreckt sich über ein paar Kilometer. 730 Hektar Reben gibt es heute, Mitte des 19. Jahrhunderts war die Zahl noch hoch vierstellig. Der meiste Wein ging in die nahe gelegene Schweiz, den Rest tranken die Valtellineser selbst. Es gab viel Wein. Und wie das so ist, wenn es von etwas (zu) viel gibt: Die Qualität leidet. Und so brach die Nachfrage von ein auf den anderen Tag ein. Vor ein paar Jahren sah es noch so aus, als stürbe das Tal, zumindest würde es vor sich hindümpeln. Aber jetzt machen sich junge Leute auf, das Kulturgut Wein (und damit die terrassierte Landschaft) und das Kulturgut Käse für das Valtellina zu sichern. Zwölf Almen gibt es noch, auf denen Bitto hergestellt wird. Zu 80 Prozent stammt die Milch von der Kuh, zu 20 Prozent von orobischen Ziegen, einer autochtonen Rasse aus den gleichnamigen Alpen (von denen die Chronistin bis dato noch nicht einmal gehört hatte). Die Milch wird „kuhwarm“ verarbeitet und ergibt einen sehr schmackhaften Käse, der bis zu 15 Jahre reift. Bevor wir aber in den Reifekeller in Gerola Alta hinabstiegen, kletterten wir erst einmal die Steillagen bei Siro Buzzetti hinauf. Er teilt sich einen wirklich nicht großen (besser: kleinen) Weinkeller mit Guiseppe Guglielmo. Der herzliche Empfang der beiden Winzer, die Fassprobe, das ganze Ambiente – besser geht gar nicht. Es war alles so beeindruckend. Das krasse Gegenteil bei Nino Negri: 60 Prozent Marktanteil im Valtellina und zu einem Großkonzern gehörend. Da muss es einfach schmecken (Meine Kollegin würde jetzt sagen: „Ironie kommt nie.“ Ich versuch’s trotzdem). Abendessen im Ristorante Altavilla in Bianzone. Zig Auszeichnungen in zig Führern: Was als Highlight-Essen geplant war, entpuppte sich als mittleres Desaster. Das Team war (nur an diesem Abend?) völlig überfordert. Drei Stunden bis zum ersten Primo waren eindeutig zu viel – und das Essen alles andere als überzeugend. Immerhin: Es gab Olivenöl aus dem Valtellina. Alle Augen auf Jobst. Ein halbes Herz würde er schon geben, aus Sympathie, war seine diplomatische Antwort. Nächstes Highlight bei Triasso e Sassella. Da ist die Chronistin ohne Worte, weil sie sich zum Luftholen kurz ausgeklinkt hatte. Dafür dann das wahre Highlight-Essen in der Osteria del Crotto in Morbegno. Baccala auf Salat, Ravioli mit Ziegenricotta und Brennesseln, Lamm mit Gemüse und Crème brulée mit Akazienblüten. Besser kann eine Merum-Leserreise nicht enden. Zum Thema Weinkaufsreise: Spätestens am Abreisetag war klar, weshalb des Retici Balzi ein Weinhotel war: Alle haben fleißig eingekauft, die Kisten gingen am Schluss nicht mal mehr in die Abstellkammer und machten sich in der Lobby breit. Und zu jeder Flasche werden die Käufer Geschichten zu erzählen wissen, eine besser als die andere.
Sollten die Merum-Macher Ende Mai nächsten Jahres wieder eine Leserreise planen, etwa in die Emilia Romagna in Sachen Lambrusco, bei der man sich vor den Sommer bevorraten kann: Wir melden uns jetzt schon mal an!  Voraussetzung: Wir können uns bevorraten.

P.S.: Fotos und Links folgen

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