von Kopp: Unsere Zunge ist ein kluger Kopf

Diana von Kopp

Diana von Kopp weiß um das richtige Schmecken. Foto: Helmut Fricke

 

Diana von Kopp will uns mit „Richtig schmecken macht gesund“ zu bewussten Essern machen.

 

„Nichts wäre lästiger als Essen und Trinken, hätte Gott daraus nicht ein Vergnügen und eine Notwendigkeit gemacht“. Sagte Voltaire, wobei der Philosoph zu seiner Zeit nicht über das Repertoire an Genuss-Möglichkeiten verfügt haben dürfte, das wir heute kennen. Man hatte gerade erst begonnen, die Gabel zu nutzen. Eines dürfte damals gleich gewesen sein: Die Zunge, eine Art Wächterin am Eingang des Körpers, wachte über jeden Bissen auf dessen Genießbarkeit, Qualität und Energiegehalt. „Sie warnt uns vor giftigen Nahrungsbestandteilen und schützt uns vor allzu einseitiger Ernährung“, schreibt Autorin Diana von Kopp in ihrem aktuellen Buch „Richtig schmecken macht gesund“, macht aber gleich eine Einschränkung: Praktisch haben wir irgendwo zwischen Hotdogs, Chickenwings und Superfood den Geschmack verloren.

Das Buch der Heidelbergerin ist eine Art Fortsetzung ihres Titels „Die Kunst des klugen Essens“, den sie zusammen mit Melanie Mühl schrieb. Doch diesmal geht sie ein gutes Stück weiter und widmet sich ausführlich der Geschmacksforschung. Sie zeige, dass das, was wir gern essen, nicht von der Vernunft, sondern vom Geschmackssinn gesteuert wird. Doch wo er auf künstliche Aromen und Geschmacksverstärker trifft, gerate er aus den Fugen.

Wir seien auf dem besten Weg, uns einen Universalgeschmack anzueignen, warnt sie und nennt ein Beispiel: Frühstückscerealien füllen im Supermarkt viele Regalmeter, aber drin ist jeweils das gleiche, nur die Aromastoffe unterscheiden sich. Teigwaren sind industriell vorgefertigt, Wurst und Fleisch sind geschmacksoptimierte Massenprodukte. „Viele Tonnen Aromen werden jährlich EU-weit ins Essen gerührt, teilweise mit einer fünfhundertfachen Überdosierung.“ Eigentlich müsste man der Lebensmittelindustrie höchstes Lob zollen: Ihr gelingt es, die Geschmacksvorlieben sämtlicher Kulturen und Bevölkerungsschichten zu vereinen. Und das ist nicht mal kostenintensiv, denn verwendet wird zum Beispiel Isoglukose, ein Sirup aus Maisabfällen. 

Eine Regel, die man sich wirklich merken sollte, ist diese: „Iss nichts, was eine Verpackung hat und nichts, was deine Urgroßeltern nicht als Essen erkannt hätten.“ Da zitiert Diana von Kopp den Buchautor Michael Pollan. Aber es geht der Psychologin nicht darum, uns das Essen madig zu machen. Vielmehr will sie uns helfen, unseren Geschmackssinn zurück zu erobern. Wir sind in der Lage, den Genuss mit natürlichen Mitteln zu steigern, schreibt sie und rät zu Selbsttests. Wie diesem: Joghurt testen und den Unterschied zwischen fettarmem und fetthaltigem Joghurt schmecken. 

Diana von Kopp erklärt, warum unsere Zunge ein kluges Wesen ist und was unsere Geschmackszellen verraten. Und dass Bier glücklich macht, was am natürlichen Inhaltsstoff Hordenin liegt, der auf den G-Protein-Rezeptor zusteuert und am Ende das stimmungsaufhellende Dopamin aktiviert.

Wir sollten unseren Kindern so früh wie möglich beibringen, den Geschmack zu trainieren, denn sie haben mit Abstand die meisten Geschmacksknospen. Das lässt mit zunehmendem Alter nach. Mit Vierzig ist nur noch die Hälfte vorhanden, mit Siebzig eventuell nur noch ein Zehntel.

Die Autorin fragt sich, warum Obst zwar gesund ist, aber niemals satt macht, woher wir wissen, was wir essen müssen, wie wir mit Kräutern und Gewürzen sinnvoll kochen, was uns zum Feinschmecker macht und was eine Multitasking-Falle ist. Das ist Fernsehen und Essen, Whatsapp-Nachrichten schreiben und Essen, Telefonieren und Essen. Warum das eine Falle ist? Wir schmecken und genießen das Essen nicht, wir löffeln nur. Rolf Kienle

 

„Richtig schmecken macht gesund“, Diana von Kopp, Piper Verlag, 20 Euro.

 

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