Hunger ist der Chefkoch

Uwe Knop: „Dein Körpernavigator zum besten Essen der Welt“

„Es gibt nicht die richtige Ernährung für alle“. Die Zitate auf den ersten Seiten des Ratgebers sind alles andere als Mutmacher. Soll man ein Buch lesen, das mir womöglich gar nicht weiter helfen kann, mich allein lässt mit meiner „großen Verunsicherung und Unsicherheit, was eigentlich die richtige Ernährung ist“? „Man hört sehr vieles und ist im Grunde genommen auf der Suche“. So umschreibt es der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaesker von der Uni Bremen. Und Harald Lesch, ein Mann, der auch sonst immer Recht hat, befindet: „Die Angst, sich mit der falschen Ernährung zu vergiften oder krank zu werden, wird immer größer.“ Ist es wirklich so schlimm oder sind wir alle nur hasenfüßig?

Uwe Knop, ein Ernährungswissenschaftler, der sein Buch „Der Körpernavigator zum besten Essen aller Zeiten“ mit dem Zitat „Die Ernährungswissenschaften sind in einer bemitleidenswerte Lage“ beginnt, wird sich in seiner Branche keine Freunde machen wollen. Er will aufklären über falsche Mythen, angeblich gesicherte Studien und den Unsinn, der uns Angst vorm Essen macht. Und dann schließlich doch Mut machen. Er habe das Buch für mündige Menschen geschrieben, die gern und gut essen, bei denen Genuss und guter Geschmack die Essenswahl bestimmt und nicht vermeintlich gesunde Regeln.

An vielem sind die Medien schuld, die gierig pseudowissenschaftliche Fakes aufgreifen und verbreiten. „Fischmahlzeiten senken Rheumarisiko“ oder „Schokolade schützt vor Schlaganfall“ oder „Zucker macht süchtig wie Kokain“ sind solche Schlagzeilen, die nicht halten, was sie uns weiss machen wollen. Die Aussagen haben eines gemeinsam, schreibt Uwe Knop: Banale Zusammenhänge aus Beobachtungsstudien wurden zu Ursache-Wirkungs-Beziehungen umgedeutet. „Bei keiner dieser Schlagzeilen liegt auch nur der Hauch eines Beweises vor.“

Ohnehin steht meistens das Wörtchen „könnte“ dabei. Beispiel Fleisch: „Fleischkonsum könnte das Sterberisiko erhöhen“ oder „Drei Gläser Milch am Tag können tödlich sein“. Das kann der Weg zur Arbeit auch sein. Zur „tödlichen“ Milch passt die Meldung, wonach „Milchprodukte vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen könnten“, hieß es unlängst im Deutschen Ärzteblatt. Fairerweise weist man am Ende des Artikels darauf hin, dass man tatsächlich keine Kausalität belegen könne.

Über unseren Fleischkonsum wird gern gestritten, weil es für Pro und Contra gut aufgestellte Lobbyisten gibt. Eine Vegetarier-Lobby griff die Studie der Medizinischen Universität Graz an, als diese veröffentlichte, dass auf Fleisch Verzichtende mehr Krankheiten aufweisen als Fleischesser, Vegetarier hätten häufiger Krebs und mehr Herzinfarkte. Sie benötigen mehr Leistungen des Gesundheitssystems. Die Autoren wiesen allerdings darauf hin, dass es nur Korrelationen gebe und keine Erklärungen. Ob die schlechtere Gesundheit der Vegetarier durch deren Ernährung verursacht wird oder ob sie wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes zu Vegetarier werden, könne nicht beantwortet werden. Zu diesem Zeitpunkt wusste man bereits, dass sich Vegetarier und Fleischesser in puncto Gesamtmortalität nicht unterscheiden. Das hatte die Metaanalyse von acht Studien mit mehr als 183 000 Teilnehmern ergeben. Im Übrigen befand die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie im vergangenen Jahr, dass Milchprodukte und Fleisch herzgesund seien und empfahl ein Umdenken.

Wer sich an die Unterteilung zwischen gesund und ungesund wagt, befindet sich auf ganz dünnem Eis. Knop: Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg, dass irgendeine Ernährungsform oder gar ein Lebensmittel krank, gesund, schlank oder dick macht. „Kein klar denkender Wissenschaftler würde seine Hand dafür ins Feuer legen, dass irgendeine Ernährungsform einen Menschen länger gesund leben lässt.“ Denn niemand wisse, welche Ernährung die Gesundheit erhält oder fördert. Ernährungsforschung sei ein Stochern im Nebel, ein Rätselraten auf wissenschaftlich niedrigem Niveau. „Wir brauchen keine rigiden Regeln und keine Einteilung in gesunde oder ungesunde Lebensmittel. Entscheidend ist, wie viel ich wovon esse“, erklärte auch das Bundeszentrum für Ernährung im Frühjahr dieses Jahres.

Uwe Knop appelliert an seine Leser, das schlechte Gewissen, das uns fragen lässt, ob das jetzt wirklich gesund ist, abzustellen. Wir sollen den dauernervigen Ernährungsgnom aus unserem Hinterkopf kicken und uns frei machen von Ballaststoffen im Kopf. Stattdessen sollen wir unserem Körper vertrauen. Und dann essen, wenn wir echten Hunger haben. Denn „Hunger ist der Chefkoch“!

Rolf Kienle

Uwe Knop: „Dein Körpernavigator zum besten Essen der Welt„, Polarise dpunktverlag Heidelberg, ISBN  978 3 947619 23 8, 14,95 Euro.

 

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